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der Ruhm meines Vaters | bruno baltzer | Europäischer Monat der Fotografie Berlin 2010
Der Ruhm meines Vaters. Fotografische Studie (2009 – gegenwärtig), 88 Farbnegativabzüge 13×18cm.
Als ich ernsthaft begann, dieses Projekt zu konzipieren, gab es für mich zweierlei Beweggründe: endlich den innigen Dialog mit meinem Vater aufzunehmen und die Bilder dessen, was verschwinden würde, zu bewahren. Die Unumkehrbarkeit der Zeit, das lauernde Vergessen, Krankheiten des Geistes, die unsere Beziehungen beeinträchtigen, zwangen mich, mir zwei Fragen zu stellen. Was bedeutet er mir? Wer bin ich?
Am 8. Juni 2009 fuhr ich von Luxemburg aus in den Süden. Während der 8 Stunden am Steuer auf dem Weg nach Vaison-la-Romaine legte ich den Ablauf der kommenden Aufnahmen fest. Bei meiner Ankunft schienen die Früchte dieser mehr als zweijährigen „Annäherungsarbeit“ reif zu sein. Bei unserem ersten Essen kündigte ich meinen Eltern meine Absicht an, meinen Vater in der gesamten Zeit meines Besuchs jeden Tag zu fotografieren. Den Tag meiner Abreise verriet ich nicht. Ich hatte mir vorgestellt, dass mein Vater von diesem Vorschlag angetan sein würde und er stimmte sehr ernst und vertrauensvoll zu. Meine Mutter würde bei der Arbeit nicht dabei sein. Ich glaube, sie hatte verstanden, dass es dabei um ihn und mich ging.
Wir begannen die Aufnahmesitzungen. Ich wollte herausfinden, woran er litt. Ich wusste, ich würde nun präsenter sein wollen.
Zunächst war da der Ort, der Swimmingpool eines Ferienhauses in der Provence, der Swimmingpool des Hauses unserer Familie in der Provence. Dieses Schwimmbecken hallte wider von Marcel Pagnols Kindheitserinnerungen aus „Der Ruhm meines Vaters“, dessen Titel ich mir respektvoll erlaube, für meine Serie zu verwenden. Vor fast vierzig Jahren übte dieses Schwimmbecken – sicherlich das erste in der Gegend, welches von einer Privatperson gebaut worden war – auf die Kinder und die Umgebung eine faszinierende Anziehung aus.
Dann kam das Ritual, einer täglichen Hygiene gleich, ein Prozess des sich Verabredens, 16 Tage lang aufs Neue, jeden Morgen um 9 Uhr, auf dem Grund des Swimmingpools. Wir näherten uns der Sonnenwende, so dass schon zu dieser Stunde die Sonne dem Dekor große Kontraste verlieh, ohne jedoch erdrückend zu werden. Meinem Vater oblag es, die Kleidung auszusuchen. Ich bat ihn, nichts Besonderes zu wählen. Ich wollte, dass er natürlich blieb.
Indem ich die Kamera mit ausgestreckten Armen hielt, glaubte ich, einen engeren Kontakt zu meinem Vater zu haben. Es war eine Mamiya 645, der Film ein Fujicolor pro 800Z. Letztere Wahl wurde bestimmt durch eine hohe Verschlussgeschwindigkeit, die für freihändige Aufnahmen ohne Bewegungsunschärfe erforderlich war.
Am ersten Tag wurden sieben Aufnahmen festgelegt, einige bereits in der Vorstellung existierend, andere improvisiert. Sie waren das Ergebnis unseres unglaublichen Dialogs von Angesicht zu Angesicht. Am Boden wurden Markierungen vorgenommen.
Das Bestreben ging dahin, nur ein Foto pro Position anzufertigen, was nicht immer gelang. Mitunter veranlasste mich ein auftretender technischer Zweifel oder eine Unschlüssigkeit hinsichtlich der Bildeinstellung dazu, eine Aufnahme zu wiederholen.
- Serie 01: 80 mm Objektiv, Brustbild. Die Bilder sind jeweils eine Überblendung des letzten Bildes vom Vortag. Diese Serie präsentiert ein Doppelporträt, in dem die Zeit und die unmerklichen Änderungen in der Haltung des Modells und des Fotografen ineinander übergehen.
- Serie 02: 80 mm Objektiv, Standporträt in Nahaufnahme an der Ostwand des Swimmingpools, letzterer entzieht sich dem Blick. Diese Stellung im Kontakt zur Wand erinnert ihn an die Haltung, die sein Cousin Maurice Segretain, ein junger Widerstandskämpfer, bei seiner Erschießung auf dem Mont Valérien im Jahre 1944 einnehmen musste.
- Serie 03: 45 mm Objektiv, Standporträt. Mein Vater steht mit dem Rücken zur Kamera in einer der vier Ecken des Beckens. Diese von ihm erdachte Stellung lässt ihn an die Haltung des in die Ecke gestellten Schülers denken.
- Serie 04: 45 mm Objektiv, Standporträt. Mein Vater steht in der Mitte des Beckens, mit dem Rücken nach Süden. Diese Pose befreit ihn, er schaut um sich. Er findet hierin einen kontemplativen Frieden.
- Serie 05: 45 mm Objektiv, amerikanische Einstellung (american shot), Wiederaufnahme der Position aus Serie 02, Brustbild. Bei geneigtem Oberkörper wird sein Gesicht von den Hüten verdeckt. Diese improvisierte Pose, die einer Entspannung mitten in der Szene gleicht, ist ästhetisch und hebt den Wert des Accessoires hervor, das seine UV-ultrasensible Gesichtshaut schützt, wobei eine verletzbare Haltung unterstrichen wird.
- Serie 07: 45 mm Objektiv, nochmals Wiederaufnahme der Position aus Serie 02, Standporträt in halbtotaler Einstellung. Noch immer mit dem Rücken zur Wand ist das Swimmingpooldekor wiederum sichtbar.
Jeder Tag entsteht aus einer Routine heraus, das Licht ändert sich kaum, lediglich die Kleidung scheint auf eine gewisse Bewegung hinzudeuten.
Am dreizehnten Tag beginnt das Wasser zu steigen und es steigt weiter bis zum sechzehnten Tag, an dem es meinen Vater fast vollständig zu bedecken droht.
Diese dreizehnte Aufnahme offenbart auf schreckliche Weise die unmerklichen Veränderungen des Dekors. Während all dieser Tage wurde der Swimmingpool kurz vor dem Sommer gesäubert, in Stand gesetzt, wieder in Betrieb genommen in der Hoffnung auf eine unabänderliche Choreografie, wie eine Beziehung, um die wir uns kümmern. Zum ersten Mal konnte mein Vater all diese zur normalen Wiederinbetriebnahme des Swimmingpools erforderlichen Tätigkeiten nicht mehr allein ausführen.
Von einer Wand aus wurde jede Aufnahme auf Video aufgezeichnet, mit fixierter Kameraeinstellung, sozusagen unzählige Informationen liefernd über den Tanz unserer Körper in diesem abgeschlossenen Raum, wobei den Porträts Ton und Sprache hinzugefügt werden.
Diese Studiensitzung, ähnlich einer Art Fotoserie von Muybridge, zeugt von einer „mental locomotion“, von einem sensiblen Weg, der die Bindung zwischen einem Sohn und seinem Vater stärkt, wobei dieser das reale Wesen seiner Krankheit offenbart. Diese Serie beschwört – ähnlich einer gekürzten Fassung der Selbstporträts von Roman Opalka – die Vorstellung des Unendlichen herauf, des Unendlichen im Endlichen des Wirkens der Zeit, in der der Fotografierte auf den Fotografen zurückverweist. Diese Reise führt mich zu einer unerwarteten und starken Position, derjenigen des Sohnes, des Fotografen, und Familienbiografen, dessen Aufnahme- und zugleich Schutzgeräte es ihm ermöglichen, sich den kommenden Tagen zu stellen und von ihnen zu berichten.
Bruno Baltzer, übersetzung Karin Enzanza
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